I returned bleeding, it must have been a trail-run

Blog entry posted by joohneschuh, May 31, 2012.

Laufbericht vom Keufelskopf Ultra-Trail am 26.5.2012

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"Knackige Anstiege" hieß es in der Ausschreibung. Stimmt. (1)

„Da hast du dir ja einen schönen Ultra für den Anfang ausgesucht. Wenn du den schaffst, dann kann dich so schnell nichts mehr erschrecken“, sagt Jochen, mit dem ich gerade ins Quatschen gekommen bin. Seit einer Stunde laufe ich, es ist früh um 7, noch angenehm kühl. Ich habe trotz großen Lampenfiebers gut geschlafen und fühle mich frisch. Das Läuferfeld hat sich schnell auseinandergezogen, nur etwa 150 Leute sind gestartet, die wenigsten sind Frauen. Ich laufe fast von Anfang an barfuß und will mal sehen, wie weit ich damit komme.

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Auf den ersten Kilometern ist das Läuferfeld noch geschlossen, das wird sich schnell ändern. (1)

Der Keufelskopf Ultra-Trail (K-UT) findet zum vierten Mal statt. Eric Tuerlings, ein gebürtiger Niederländer, den es irgendwie in das Kaff Reichweiler im Pfälzer Wald verschlagen hat, ist selbst Ultraläufer und organisiert mit großer Leidenschaft den K-UT. „Der Eric? Das ist ein ganz dickes Brett“, erklärt Jochen. Eric läuft selbst Ultras, die ein Vielfaches länger und schwerer als sein K-UT sind, hat aber offenbar auch einen Riesen-Spaß dabei, für seine Ultraläufer-Freunde teuflische Strecken im pfälzischen Mittelgebirge auszuhecken. Den ganzen Tag trägt er einen Haarreif mit Teufelshörnern. Er platzt fast vor Vergnügen, als er morgens beim Briefing mit charmantem niederländischem Akzent verkündet: „Es gab kurzfristig noch letzte Streckenänderungen und die Strecke ist ein paar Hundert Meter länger geworden. Aber dafür hat sie auch mehr Höhenmeter!“

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Eric Tuerlings (2)

3200 Höhenmeter auf 85 km Distanz, das heißt, es geht quasi dauernd entweder rauf oder runter, manchmal muss man klettern. Und bisher hat es Eric mit jeder neuen Auflage des K-UT geschafft, bei gleicher Kilometerzahl noch mehr Steigungen einzubauen. Zur Einstimmung steht gleich beim ersten Mal, als die Strecke vom Wirtschaftsweg abzweigt und in die Büsche führt, ein Schild mit dem Spruch: „Wege entstehen wo wir sie gehen.“ Immer wieder gibt es Passagen, die gestern noch gar keine Wege waren und entsprechend zugewachsen und unwegsam sind. Wo es sich gar nicht vermeiden ließ, hat Eric ein paar Büsche weggesägt oder die Motorsense geschwungen.

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Hier sind außer Ultraläufern bisher nur Rehe vorbeigekommen. (1)

Ich werde heute noch lernen, ganz schnell misstrauisch zu werden, sobald es mal ein Stückchen auf einem befestigten Weg geradeausgeht. Wenn man das merkt, bedeutet es fast immer, dass man die letzte Abzweigung gerade verpasst hat. Jochen wird mir während des Laufs dank seiner Erfahrung und meisterlichen GPS-Navigation etliche extra Kilometer und Motivationskrisen ersparen. Ein Läufer mit Wikingerhelm überholt uns frustriert. Er war ganz vorne mit dabei, ist aber falsch abgebogen und im Mittelfeld hinter uns gelandet. Mir dämmert, dass auf der Website des K-UT der Hinweis: „Ein GPS-Gerät ist nicht erforderlich“ auch schon als sportliche Herausforderung gemeint war und ich es bloß nicht kapiert habe.

Zwei von 14 Stunden Laufen liegen hinter mir, ich fühle mich ganz gut. Da, wieder eins von Erics Schildern: „If you´re feeling good during an ultra, don´t worry, you´ll get over it“. Wie kann der Eric wissen, dass ich mich genau hier gut fühlen werde, um dann das passende Schild da hinzustellen? Kurz aufkeimende Paranoia lässt sich wieder abschütteln, einfach weiterlaufen. Überhaupt, Eric hat sein ganzes Ultraläufer-Poesiealbum ausgedruckt und als Schilder an die Strecke gestellt.

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Noch so´n Spruch (1)

Die bringen mich immer aufs Neue aus der Fassung, ich muss lachen und je länger der Lauf, desto mehr dieser dummen Sprüche schwirren in meinem Kopf herum. Kurz vor oder kurz nach der Hälfte („nur noch ein Marathönchen“) kommt der Höhepunkt, auf den sich schon alle freuen, die den K-UT nicht zum ersten Mal laufen. Erst ein Schild: „Beware of the chair!“ Dann, hinter der nächsten Ecke, mitten im Wald, ein Liegestuhl und drei (!) Kästen Bier. Als wir ankommen, ist einer davon schon fast leer und ein paar Läufer prosten sich gerade zu. Ich habe Angst, dass mir der Alkohol die Kraft raubt und will lieber schnell weiter.

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Schön, ne? (3)

„Hey, ein Verrückter, da muss ich ja gleich mal ein Foto machen“ höre ich von der Seite und blicke in ein Kameraobjektiv. „Meinst Du mich?“ „Ja, wen denn sonst“, sagt Joe von marathon4you, knipst mich und ist beleidigt, dass ich ihn nicht kenne.

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Joe macht einen Schnappschuss (2)

Er hat keine Ahnung, wie ahnungslos ich bin. Die Ultraläufer sind eine eingeschworene Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und man sich ständig bei irgendwelchen Läufen trifft. „Ich dachte, hier bin ich in guter Gesellschaft“, antworte ich ihm und bin im Zweifel, ob das die passende Antwort war. Natürlich ist das verrückt, hier barfuß zu laufen, aber hier überhaupt zu laufen, ist auch verrückt. Wieso habe ich mich hier überhaupt angemeldet, letzten Winter, als ich noch nicht mal einen Marathon gelaufen war?

Den Anstoß gab Jason Robillard in diesem Blogpostletzten November. Es ging darum, sich doch mal was zu trauen, von dem man nicht weiß, ob man es schafft. Hier die entscheidende Passage:
In den Kommentaren tauchten Riek aus Kaiserslautern und Max aus Dortmund auf und schrieben, dass sie den Mini am Keufelskopf (22 km) laufen wollten. Beide kenne ich über die Barefoot Runners Society. Da hat mich die Abenteuerlust gepackt und nicht wieder losgelassen, bis ich mich schließlich auch angemeldet habe. Danach habe ich mich eine ganze Weile lang verschämt gar nicht getraut, jemandem davon zu erzählen. Dumm! Während der folgenden Monate habe ich zwar gemerkt, dass viele Leute skeptisch reagieren, wenn sie von so einem Vorhaben hören und alle möglichen Einwände aufzählen, die man selbst ja ohnehin schon hat. Aber sie fiebern auch mit, motivieren einen und wollen wissen, wie es gelaufen ist, das ist echt schön. Selbst wenn es schiefgeht.

Wir laufen in hohem Tempo einen steilen Abhang hinunter, über Trampelpfade, die mit Steinen, Laub und Ästen übersät sind. In vollem Lauf trete ich auf irgendwas spitzes, ich sehe noch nicht mal, was es ist, das unter dem Laub verborgen meine Fußsohle aufreißt. Ein paar Schritte später weiß ich, dass etwas nicht stimmt und gucke mir den Schaden genauer an. Ein Stück Haut vorne am Ballen ist nicht mehr da, wo es sein soll, es blutet, aber scheint nicht tiefer zu gehen. Jochen nimmt es gelassen, redet mir gut zu und wartet auf mich, während ich mir Schuhe anziehe. Ich zwinge mich, mit dem Fuß aufzutreten. Mit jedem Schritt wird der Schmerz etwas weniger, um sich dann auf einem niedrigen, aber stabilen Niveau einzupendeln. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zur ersten Verpflegungsstation, die am Start / Ziel liegt. Die Sanitäterin braucht quälende Minuten, um aus ihrem Dämmerzustand zu erwachen, sich in Bewegung zu setzen, sich im Sanitätskoffer zu orientieren und mir Desinfektion und Tape zu geben. Hastig nehme ihr alles aus der Hand und klebe die losen Teile wieder fest. Schuh an, weiter. Jochen ist zum Glück noch da und sagt mir, dass er langsam voraus geht, aber auf mich wartet. Mir fällt ein Stein vom Herzen, so schnell ich kann fülle ich Wasser auf und eile hinterher, erst humpelnd, dann laufend.
10 Minuten später habe ich ihn wieder eingeholt und von da an laufen wir den ganzen Rest zusammen. Wir haben eine Menge Spaß und unterhalten uns über Gott und die Welt. Wer hätte das gedacht, wir haben beide die schönste Tochter der Welt! Wie ist sowas bloß möglich? Undsoweiter undsoweiter, in einem Ultra kann man eine Menge erzählen und sich ganz gut kennenlernen. Im Mittelteil geht es mir prächtig, dafür kämpft Jochen mit seinem Magen und schleppt sich weiter, froh, dass ich auf ihn warte. Nach dem letzten Verpflegungspunkt bei km 72 hat er seine Form wiedergefunden und wird immer fitter, während ich langsam einbreche. Die Beine schmerzen, vor allem das rechte, das die ganze Zeit den verletzten linken Fuß entlastet hat. Jochen macht mir Komplimente („Du bist schon so´n altes Kampfschwein, was?“), er weiß, was zieht und mich am Laufen hält. Drei Kilometer vor Schluss versuche ich nochmal, ihn wegzuschicken, um alleine langsam bis ins Ziel zu wandern. Aber er weigert sich und ich bin ihm dafür so dankbar, dass ich meine schmerzenden Gräten noch ein letztes Mal in so eine Art Laufschritt versetze, der sogar in einem mickrigen Endspurt endet. Wir laufen zusammen ins Ziel, es klingt schon fast kitschig, aber ich bin wirklich zutiefst gerührt und glücklich.

Danke Jochen, für den tollen gemeinsamen Lauf!
Danke Eric für die teuflisch schöne Strecke und die perfekte Organisation!
Danke Jason, dass Du mich zu so einer verrückten Aktion angestiftet hast!


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Glückliche Finisher! Rechts Jochen, links Jo (3)


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P.S.: Zahlen, Nachlese und Ausblick

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Finisher-Medaille. Yes!

Ich habe Platz 51 belegt. 125 Männer und Frauen sind gestartet, 93 im Ziel angekommen.

***[Edit, 3.6.2012]: Wir waren noch besser als ich dachte, Auszug aus Erics Rundmail nach dem Lauf von gestern:
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Die Regel, dass im Training alles vorkommen sollte, was auch im Rennen vorkommt, hat sich aus meiner Sicht absolut bestätigt. Auf dieser Grundlage habe ich mir ein Training zusammengeraten, womit ich erstaunlich gut vorbereitet war. Mit etwa 1-2 sehr langen Läufen pro Monat (35-55km) seit letztem November, bei vergleichbaren Höhenmetern über ähnliches Terrain in der Sächsischen Schweiz hatte ich ausreichend Kondition, um den K-UT zu schaffen. Dabei habe ich Essen (1 kg Hummus, 200g getrocknete Feigen), Trinken (7 l Wasser mit etwas Salz und Zucker) und Ausrüstung (Handhabung der Trinkblase, laufen mit Rucksack) wie im Rennen getestet und war mir ziemlich sicher, dass es funktioniert.

Den K-UT ganz barfuß zu versuchen, wäre die Herausforderung in der Herausforderung. Schätzungsweise 80% der Strecke sind barfuß leicht (weicher Waldboden) bis mittelschwer (Waldboden mit locker gesäten Steinen, feiner Schotter mit stumpfen Körnern). Der Rest ist schwer (scharfkantiger, grober Schotter, Schutthalden) oder trügerisch (abgesägtes Buschwerk, das wie Spieße aus der Erde ragt und zwischen Grashalmen versteckt ist; Äste oder große Steine unter Laub). An der trügerischen Kategorie bin ich gescheitert, damit fehlte mir die Erfahrung.

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Jetzt habe ich wieder gut Lachen. (3)

Es würde viel Konzentration erfordern, diese gefährlichen Passagen unverletzt zu überstehen. Im Training müsste man konsequent im Wald abseits der Wege laufen, um das gezielt zu üben. Im Rennen müsste man trügerische Stellen gehen, wo die anderen laufen können und dafür zum Ausgleich leichte Anstiege laufen, um auf das gleiche Gesamttempo zu kommen, falls das überhaupt erreichbar ist. Mit der Dauer des Rennens würde wegen Erschöpfung und Konzentrationsproblemen das Verletzungsrisiko steigen und die Fußsohlen immer gereizter und schmerzempfindlicher werden. Es würde wegen schmerzender Fußsohlen mit der Zeit immer schwerer, ein Tempo aufrecht zu halten, was von der Kondition her eigentlich noch möglich wäre.

Ich wurde von einigen Läufern auf meine "Slicks" (Sole Runner Pure) angesprochen. Sie wunderten sich, wieso ich damit nicht ausrutsche und trotz nur 1,5 mm dicker Sohle über Schotter laufen kann. Das geht nur mit ausreichend Übung ganz barfuß auf ähnlichen Untergründen, was die Koordination ungemein schult. Macht das bloß nicht nach! Wäre die Strecke schlammiger gewesen, hätte ich aber vermutlich alt ausgesehen. Und Gamaschen habe ich vermisst, dauernd Steine aus den Schuhen schütten ist nicht so erhebend.

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(1) Jochens Foto
(2) Joes Foto
(3) Susannes Foto

Vielen Dank Euch Dreien, dass ich Eure Fotos benutzen durfte.
joohneschuh

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Bin im Forum inaktiv.